Wintersemester 1996/97

   Interview mit Gretchen Dutschke

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*  Mythos Rudi
Von Pascal Beucker

Rudi Dutschke ist wieder "in". Mit der im Sommer erschienenen Biographie über ihren Mann hat Gretchen Dutschke den Mythos neu belebt. Ihre Lesungen sind prall gefüllt. UniKONKRET sprach mit ihr über Rudi Dutschke, die Aktualität seiner Ideen und die Folgen von "68".

Ihnen ist vorgeworfen worden, Sie hätten gegenüber den beiden bisher erschienenen Biographien über Rudi Dutschke, von Jürgen Miermeister und Ulrich Chaussy, nichts substantiell Neues geschrieben. Was ist Ihrer Meinung nach das Besondere Ihrer Dutschke-Biographie?

Gretchen Dutschke: Für sie war das Persönliche und das Menschliche nichts, diese verschiedenen anderen Seiten. Sie hatten eine männliche Sichtweise. Ich glaube, ich habe eine andere: Eine Frauensichtweise - und eine Sichtweise von jemandem, der nicht deutsch ist, einer Ausländerin, die das auch ein bisschen anders sieht.

Bernd Rabehl hat Ihnen vorgeworfen, Sie hätten ein Heldenepos geschrieben und die politische Figur Rudi Dutschke mit seiner Widersprüchlichkeit im Grunde ausgeklammert.

Gretchen Dutschke: Das ist der größte Blödsinn. Was Rabehl geschrieben hat - ich habe es nicht gelesen und nur immer gehört - ist wieder total idiotisch. Ich glaube, das Buch hat Rudi Dutschke genau in allen seinen Widersprüchen gezeigt.

Ihr Manuskript soll noch wesentlich umfangreicher gewesen sein, wohl über 1000 Seiten. Was ist herausgefallen?

Gretchen Dutschke: Da ist alles mögliche rausgefallen. Viele Zitate von Rudi, viele persönliche Sachen sind rausgefallen. Ich hatte auch wesentlich mehr über mich selbst geschrieben.

Rudi Dutschke wirkt heute in erster Linie als Mythos, als eine um ihren politischen Gehalt gebrachte Polit-Ikone. Wie erleben Sie das?

Gretchen Dutschke: Also im Grunde ist das mir so fremd, dass ich das einfach nicht begreifen kann. Deswegen wirkt das auch nicht auf mich. Ich gucke das an und denke, na gut, das ist irgendwie ein anderes Gebiet. Mehr kann ich dazu nicht sagen.

Aber ist es nicht für Sie ein Problem, dass da ein Mensch, den sie so gut kannten, entkleidet wird von dem, was er mal vertreten hat? Weil das heute nicht mehr interessiert bzw. als überholt oder spinnert gilt?

Gretchen Dutschke: Das glaube ich einfach nicht.

Von den sozialistischen Ideen Dutschkes taucht jedenfalls das nichts mehr auf.

Gretchen Dutschke: Na ja, ich meine, das ist eine Sache, die neu bewertet werden muss. Die Gesellschaft hat sich wahnsinnig geändert seit damals. Und deswegen können viele das erst einmal gar nicht in ihr jetziges Weltbild einpassen. Ich denke schon, dass Rudis Ideen vielleicht in 10, 20 Jahren oder auch schon in 5 Jahren wieder eine Renaissance haben werden. Ich sage nicht, dass es so wird, aber es ist möglich. Wenn man sieht, wie sich diese kapitalistische Gesellschaft entwickelt, dass der Prozess der Verarmung schon ziemlich schnell voranschreitet, glaube ich, dass das doch zu dem Punkt wieder führt, wo man wieder nach anderen Gesellschaftsformen fragt, weil die Armut ja wieder eine Klassengesellschaft geschaffen hat, die vielleicht sogar noch mehr in diesem traditionellen Sinn ist, als wir das in den ganzen 50er, 60er und 70er Jahre gesehen haben.

Sie hoffen darauf, dass sich die Menschen wieder auf die Ideen zur Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse besinnen, die Rudi Dutschke entwickelt hat?

Gretchen Dutschke: Ja, genau.

Wie erklären Sie sich die gleich mehrfache Mythenbildung um die Person Rudi Dutschkes? Zum Beispiel dieser Mythos vom sinnesfeindlichen Askesen. Warum ist auch und gerade von seinen einstigen Genossen ein Dutschke-Bild gezeichnet worden, das offensichtlich nicht der Wirklichkeit entsprach?

Gretchen Dutschke: Zum Asketen: Rudi war tatsächlich nicht wie die anderen. Die haben zum Beispiel viel getrunken. Das hat Rudi nicht getan. Da war erst mal ursprünglich der Grund, dass er Sportler war, später, dass er gar nicht durfte wegen der Verletzungen in seinem Kopf. Dass er kein großes Interesse an Kleidern hatte - bestimmt man einen Asketen durch seine Bekleidung? Das ist absurd. Wenn man diese sexuelle Idee von damals nimmt, dass die Männer überhaupt alle Frauen haben dürften wie sie wollten: Das ist wiederum auch eine Sache, wo er nicht mitgegangen ist, und zwar nicht, weil er anti-hedonistisch war, sondern weil er das als einfache Ausbeutung von Frauen gesehen hat. Also, Rudi hat Spaß am Leben gehabt. Er hat die Dinge getan, die ihm Spaß gemacht haben.

Aber woher kommt der zweite Mythos, der vom Gewaltfreiheitsapostel? Passte die Realität vielleicht einfach nicht zu dem Bild, was man sich von Rudi Dutschke machen soll - als dem Opfer?

Gretchen Dutschke: Also das ist überhaupt nicht meine Sichtweise. Deswegen habe ich auch in meinem Buch versucht zu zeigen, wie widersprüchlich Rudi zu der Frage der Gewalt gestanden hat.

Was hat aus Ihrer Sicht die 68er Bewegung bewirkt, was bleibt heute noch von 68?

Gretchen Dutschke: Ich denke, die 68er Bewegung, die antiautoritäre Bewegung, hat bewirkt, dass man ein ganz klares Bewusstsein bekommen hat, welche autoritären Strukturen es in Deutschland gegeben hat, die nach der Naziperiode nicht verändert waren. Man hat das Bewusstsein bekommen, dass man da rangehen müsste, und man fing damals an, da ranzugehen. Ich denke schon, dass viele verkrustete Strukturen durchbrochen worden sind, dass ein Demokratisierungsprozess in vielen Institutionen begann, der jedoch zum Teil inzwischen wieder rückgängig gemacht worden ist. Die Bewegung hat bewirkt, dass erst ein Bewusstsein über die Unterdrückung der Frau und dann die Frauenbewegung entstanden sind. Dies hat auch seine Wurzeln in der antiautoritären Bewegung. Die ökologische Bewegung, die natürlich sehr wichtig ist bis heute, hat auch seine Wurzeln darin. Man hat einen neuen Anfang in der Geschichte gemacht, auf den man heute zurückgreifen kann, einen positiven Anfang. Davor hatte man in Deutschland nur Negatives, nur den Faschismus, an den man überhaupt nicht anknüpfen darf. Aber jetzt hat man etwas Positives, an dem man weiter arbeiten kann.

Sowohl Rudi Dutschke als auch Sie haben sich beim Parteibildungsprozess der Grünen engagiert. Wie bewerten Sie die Entwicklung der Grünen und die der einstigen 68er Mitstreiter, die heute innerhalb der Grünen aktiv sind?

Gretchen Dutschke: Die meisten, die Realos geworden sind, haben sicher ihre Gründe, und die grüne Politik hat schon etwas bewirkt. Ich meine, das kann man nicht negieren. Allerdings glaube ich, Rudi hätte seine Rolle anders gesehen. Ich glaube, er wäre kritisch geblieben.

Michael Schneider schrieb in seinem Nachruf auf Rudi Dutschke in KONKRET 1980: "Als echter Basisdemokrat und Luxemburgist wäre er zugleich ein Gewährsmann dafür gewesen, dass diese 4. Partei nicht den üblichen Weg des langsamen parlamentarisch Hinüberwachsens in einen vielleicht etwas umweltfreundlicheren Kapitalismus geht mit einer rot-grünen Funktionärsbürokratie von morgen, die auf ihren Tantiemen sitzen bleibt." Auch Sie haben ja in einem Interview vor kurzem gesagt, dass Rudi Dutschke den Weg der Anpassung Cohn-Bendits und Fischers nicht mitgemacht hätte. Warum sollte er nicht?

Gretchen Dutschke: Na ja, weil er so lang gegen den Strom geschwommen war. Er hat sein Leben als Kampf gegen den Mainstream begriffen. Dann ändert man entweder seine Identität total, oder man geht den Weg weiter, den man für richtig findet. Und er hat bis zum Schluss seinen Weg nicht geändert. Warum soll man dann denken, dass er das plötzlich anders gemacht hätte. Es ist natürlich eine Spekulationsfrage, er ist ja nicht mehr da.

Sie haben auf einer Lesung eine innige Hoffnung auf die heutige studierende Generation ausgedrückt und gesagt, es wäre wieder Zeit für einen Aufbruch, und die werden das schon machen. Wie kommen Sie zu dieser sehr positiven Einschätzung?

Gretchen Dutschke: Also ich kann natürlich nicht sagen, dass sie das vielleicht in diesem Jahr machen oder im nächsten. Aber ich denke, dass die Geschichte einfach immer so ist, dass es Stagnationsperioden gibt, aber die werden auch immer wieder durchbrochen. Und deswegen kann man schon mit Sicherheit sagen, dass irgendwann die jetzige Stagnation durchgebrochen werden wird. Und man kann hoffen, dass die Menschen dann wieder versuchen, mehr Demokratie, mehr Beteiligung der Menschen an ihrem eigenen Schicksal durchzusetzen. Die Ziele, die auch die antiautoritäre Bewegung gehabt hat - dass man sich vielleicht darauf zurückbesinnt.


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